Von Matthias Hoppe
Der Herr Ungemach ärgert sich über alles. Am Montag ärgert er sich darüber, dass Montag ist. Morgens ärgert er sich darüber, dass Morgen ist. Abends ärgert er sich darüber, dass Abend ist. Wenn es regnet, ärgert sich der Herr Ungemach über den Regen, und wenn die Sonne scheint, ärgert er sich auch.
Er ärgert sich einfach über alles. Und deshalb hat er auch keine Freunde. Über Freunde würde sich der Herr Ungemach sowieso nur ärgern: Der eine wäre ihm zu groß, der andere zu klein, der nächste zu dick, der vierte zu dünn, die meisten wären sowieso doof, und viele wären ihm zu blond.
Wenn er Hunger hat, ärgert er sich auch. Das Gemüse ist ihm zu grün, das Brot ist ihm zu trocken, von Fleisch wird ihm schon beim ersten Bissen schlecht, und Oliven sind ihm zu schwarz.
Nachdem der Herr Ungemach schon tagelang nichts gegessen hat, will er et¬was Neues ausprobieren: Fisch. Aber als er den Fisch gekauft hat, ärgert er sich darüber, dass der noch nicht tot ist.
Und zu Hause fängt dieser blöde Fisch sogar an zu sprechen: "Du siehst ja aus wie sieben Tage Regenwetter!" - "Regenwetter?", knurrt der Herr Unge¬mach, "Regenwetter ist überhaupt ganz übel! Außerdem ist heute Montag, es ist Abend und ich habe Hunger.“
Darauf sagt der Fisch traurig: "Wenn du so großen Hunger hast, musst du mich in der Pfanne braten." Aber das ist dem Herrn Ungemach auch nicht recht: "Dann würde ich mich ganz fürchterlich darüber ärgern, dass ich nicht mehr mit dir reden kann."
Da macht der Fisch einen Vorschlag: "Warum sagst du nicht einfach, dass heute Dienstag ist?" Der Herr Ungemach versteht das nicht. Er sagt: "Ja, aber es ist doch dunkel!“ Darauf meint der Fisch: "Dann sag doch einfach, es ist nicht dunkel, sondern hell!" - "Aber es ist doch Abend!" - "Dann nenn' den Abend einfach Morgen!"
Da fällt dem Herrn Ungemach nichts mehr ein: "Ja, aber, ich ärgere mich ... und weil ... ich muss mich ärgern ... darüber ... dass ... dass... dass du ein Fisch bist!" Der Fisch muss laut lachen und sagt: "Dann nenn' mich doch Schwan!"
Jetzt hat der Herr Ungemach keine Idee mehr, worüber er sich ärgern soll: Wenn es regnet, sagt er, dass die Sonne scheint; wenn es dunkel ist, sagt er hell dazu. Er holt den Ohrensessel aus dem Keller und nennt ihn Taschenlampe. Im Blumenladen kauft er eine Rose und nennt sie Fernsehapparat. Zum Essen kauft er Spaghettis und nennt sie Lametta. Die Tischdecke nennt er Badewanne, die Kerzen sind für ihn eine Schreibmaschine und das Glas für den Fisch, den er Schwan nennt, nennt er Hasenstall.
Er unterhält er sich lange mit seinem Schwan, der ja eigentlich ein Fisch ist, und sie erzählen sich viele Geschichten aus ihrem Leben. Und der Herr Ungemach lädt er alle seine früheren Freunde zu einem Fest ein. Denen, die zu spät kommen, sagt er schmunzelnd: "Ihr seid ja viel zu früh da!"
Und er ärgert sich nie wieder.
© Matthias Hoppe (2010)