Kids & Teens

Der nackte Kaktus von BLG

Die Texte von Matthias Hoppe erscheinen in Schwarz, die von BLG in Orange.

 

 

Kapitel I: Ungleiche Brüder

Auf dem Fensterbrett im Wohnzimmer steht ein grüner Kaktus. Er hat viele Stacheln und sehnt sich nach einer Freundin.
Ab und zu kommt der kleine Felix und darf den Kaktus gießen. „Du, Felix“, fragt der grüne Kaktus, „hast du eine Freundin?“
„Nein,noch nicht“, sagt Felix.
„Meinst du, irgendjemand könnte meine Freundin sein?“, fragt der  Kaktus.
„Ich weiß nicht“, sagt Felix, „du hast so viele Stacheln. Damit würdest du deine Freundin nur kaputt pieksen.“
Der Kaktus überlegt. Dann hat er eine Idee: „Kannst du mir den Bart abrasieren, Felix?“ Felix saust ins Badezimmer, holt den Rasierapparat seines Vaters und schneidet dem Kaktus alle Stacheln weg – ratzeputz. Da steht er nun, der Kaktus, ganz nackig.
„So“, sagt er zu Felix, „und jetzt stell mich bitte in den Garten. Hier im Wohnzimmer kommt sowieso niemand vorbei...“
So steht der nackte Kaktus dann im Garten und wartet. Und wartet. Und wartet. Aber niemand kommt vorbei. Statt dessen machen sich die Vögel im Garten lustig über ihn, den nackten Kaktus.
Nach einer Woche denkt der Kaktus: 'Das war vielleicht doch nicht so eine gute Idee.' Und er lässt sich wieder einen Vollbart wachsen.
Als er wieder schön stachelig ist, bekommt er eines Tages viele  Blütenknospen, und ein wenig später blüht er ganz strahlend in Orange.

Eines Tages bekommt Felix einen zweiten Kaktus und stellt ihn auf die Terrasse neben den orange blühenden Kaktus. „Hallo du“, sagt der Neue, „wollen wir Freunde sein?“ Die beiden ratschen den ganzen Nachmittag.

Aber der neue Kaktus spricht irgendwie komisch. Er lispelt und verwendet immer wieder ausländische Wörter. Zum Beispiel sagt er: „How long wohnst du schon hier? Woher hast du die flowers?“ Der alte Kaktus versteht das nicht und fragt Felix. Der meint, das sei Englisch und der neue Kaktus habe wissen wollen, wie lange er schon hier wohne und woher er die Blüten habe. „Kommst du aus England?“, fragt der alte Kaktus den neuen Kaktus. Der sagt: „Yes.“ Das versteht der alte Kaktus gerade noch. „Aber woher ich meine Blüten habe, weiß ich nicht. Die sind von ganz alleine gekommen.“ Da wird der neue Kaktus neidisch: „Ich will auch solche flowers! Ich hatte noch nie welche.“ Der alte Kaktus fragt Felix, was man da tun könne. Felix meint, man könne es ja vielleicht mal mit Dünger probieren.

Der alte Kaktus sagt: „Heute ist Silvester .“ Auf einmal regnet es Blumen und beide freuen sich.

 

 

 

Kapitel II: Alles Plastik

Der neue Kaktus ist jetzt mit vielen bunten Blüten übersät. Da wird der alte Kaktus neidisch. Denn er hat nur orange Blüten. Aber als er sich die Blütenpracht beim neuen Kaktus genauer anschaut, bekommt er einen Lachanfall: „Wie siehst du denn aus? Wenn du meinst, du wärst jetzt ein blühender Kaktus, dann hast du dich aber geirrt! Das sind ja alles Plastikblüten! Nichts Echtes.“ Der neue Kaktus schaut sich seine falschen Blüten an und ist beleidigt. Er schüttelt sich und wirft alle ab: „Ich will keine künstlichen flowers haben, sondern richtige! Wie könnte das gehen? Hast du eine Idee?“

„Mist, es klappt nicht“. Doch auf einmal fängt der neue Kaktus zu blühen an.

Wie hast du das denn geschafft?“, fragt der alte Kaktus ungläubig und schaut sich die Blüten des neuen Kaktus'etwas genauer an. Komischerweise hat er ganz unterschiedliche Blüten, ganz bunt gemischt: Rosenblüten, daneben Blüten von Tulpen, Narzissen und Nelken, dazwischen Gänseblümchen, Edelweiss und roter Mohn, sogar Margeriten und Vergissmeinnicht sind dabei. Jetzt wird der alte Kaktus schon wieder neidisch: „Kannst du mir verraten, wie du das geschafft hast? Ich will auch solche kunterbunten Blüten haben!“ Der neue Kaktus lacht: „Das war ganz einfach: Ich habe mich nur ganz fest darauf konzentriert und es mir gewünscht.“ Der alte Kaktus probiert das sofort aus.

Aber dann konzentriert er sich zu sehr und bekommt alles außer Blüten. Der neue Kaktus lacht den alten Kaktus aus: „Ha,ha, ha, ha!“

Denn der alte Kaktus hat statt Blüten jede Menge Kinderkram an sich runterhängen: einen Schnuller, ein paar Wattestäbchen, einen Lutscher, fünf Bonbons, drei Haarklammern und ein Stirnband. „Wie siehst du denn aus?“, macht sich der neue Kaktus lustig, „willst du damit im Zirkus auftreten?“ Der alte Kaktus ist beleidigt und versteht nicht, was er falsch gemacht haben könnte. „Ich will das Zeug sofort wieder loswerden und Blüten haben wie du!“, sagt er zum neuen Kaktus,“hast du eine Idee, wie das gehen könnte? Aber ganz dalli, bitte!“

 

 

Kapitel III: Blütenträume

Auf einmal fallen ihm die alten Spielsachen ab.

Jetzt hat er zwar keinen Kinderkram mehr an sich rumhängen, aber er ist völlig nackt. Und das gefällt ihm überhaupt nicht. „Was könnte ich tun, damit ich so schöne Blüten bekomme wie du?“, fragt er den neuen Kaktus, „mit dem Konzentrieren ging das ja nicht. Hast du eine andere Idee?“ Der neue Kaktus überlegt. Er überlegt sehr lange. Der alte Kaktus wird ungeduldig: „Na los! Bist du eingeschlafen?“ - „Das ist ein gutes Stichwort“, sagte der neue Kaktus, „versuch doch mal, von bunten Blüten zu träumen! Mach die Augen zu und fang an zu träumen! Manche Träume werden ja wahr.“ Also schließt der alte Kaktus die Augen und beginnt zu träumen.

Der neue Kaktus sagt: „Träume mal von Blüten, vielleicht klappt es dann.“ Der nackte Kaktus träumt von den Blüten und es klappt tatsächlich: Er bekommt Knospen.

„Na, das ist doch schon mal was“, freut er sich, „jetzt muss ich nur noch warten, bis die Blüten so groß werden, dass sie aufgehen.“ Und er wartet und wartet. Er wird schon ganz ungeduldig. Aber nach zwei Wochen ist es soweit: Die Blüten sind so gewachsen, dass sie aufblühen. Jetzt ist der alte Kaktus überglücklich.